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Anglistik der Literaturwissenschaft - Informationsbild

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1922 erschien in Frankreich der Roman Ulysses des irischen Schriftstellers James Joyce. In England und Amerika bis 1933 verboten, gelangte das Buch in der Folgezeit nur über Umwege und teilweise in fehlerhaften Raubdrucken ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. "Pornographie" und "Blasphemie" waren die Hauptvorwürfe, die man dem Werk machte, gab es doch eine Vielzahl von Passagen, die dem damaligen bürgerlichen Geschmack zuwiderliefen. Aber auch sprachlich schien das Werk fast unverdaulich: Jedes der 18 Kapitel zeigte einen anderen Stil; unflätige Alltagssprache und Journalistenjargon waren ebenso vertreten wie enzyklopädische Frage- und Antwortsequenzen und philosophische Höhenflüge. Von "Handlung", wie eine Jane Austen oder ein Charles Dickens sie entworfen hätten, konnte beim besten Willen nicht die Rede sein, das meiste spielte sich in den Köpfen der drei "Helden" Leopold und Molly Bloom sowie Stephen Dedalus ab. Die Stadt Dublin, laut Joyce in vielen Einzelheiten so genau beschrieben, daß man sie im Falle einer Zerstörung hätte aus dem Text rekonstruieren können, galt zwar manchem Kritiker nur als Schauplatz der Aktion, sie war aber Weltbühne und Handlungsträger zugleich. Ulysses: Was hatte dieser Titel, der auf den Helden der Odyssee des Griechen Homer und damit auf das Epos der Weltliteratur schlechthin, Bezug nimmt, mit seiner ehrwürdigen antiken Vorlage zu tun? Das Buch verstieß gegen alle ästhetischen Konventionen, die weite Teile der zeitgenössischen literarischen Öffentlichkeit als Norm betrachteten. "Schöne" Literatur war dieses Machwerk gewiss nicht, sondern ein Skandal und selbstverständlich ein Symbol für den unaufhaltsamen Verfall der abendländischen Kultur...

Die überragenden literarischen Qualitäten des Ulysses, einschließlich seiner vielschichtigen intertextuellen Bezüge (auch zur Odyssee) wurden allerdings schon kurz nach seinem Erscheinen zur Kenntnis genommen. Der Text birgt ganz eigentümliche, seinerzeit neuartige Charakteristika; was die einen Kritiker abstieß, betrachteten die anderen als überfällige revolutionäre Erneuerung der überkommenen Textgattung "Roman": die Formenvielfalt der Kapitel, die Bewußtseinsdarstellung der Charaktere, die Sprachexperimente, die zu einem vielstimmigen, melodischen, auch immer wieder komischen Ganzen führten. Faszinierend die Anspielungen auf andere literarische und nichtliterarische Texte, die realistische Gestaltung des Alltags, in dem man einen globalisierten, einen "Weltalltag" wiederzufinden glaubte. Aber Ulysses bildete nicht nur eine Welt und die unterschiedlichen Wirklichkeiten ab, die von den Charakteren erlebt wurden, sondern er machte zugleich deutlich, daß er eben "nur" Literatur war - er führte seine Konstruktion als Text vor. Damit setzt dieser Roman die literarische Tradition der experimentellen Literatur fort, die schon - in übrigens nicht minder drastischer Form - mit Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (1760-1767) zu einem frühen Höhepunkt gelangt war.

Anglistik - Ulysses

Anglistik - Ulysses

Ulysses wurde also auf ganz unterschiedliche Weisen gelesen. Aber was ist das eigentlich, das 'Lesen'? Wozu und wie liest man Literatur? Seit der Antike gilt, dass der Leser sich mit Texten sowohl unterhalten als auch bilden kann - mit wechselnder Gewichtung, denn je nach dem, wie der gesellschaftliche Auftrag von Literatur definiert wird, gibt es unterschiedliche Grade von Freiheiten oder Zwängen (Zensur). Zu bestimmten Zeiten dominiert der bildende, der erbauliche oder der satirische Aspekt mit Auswirkungen aufs eigene Handeln im Alltag, dann wiederum gewinnt die Unterhaltung oder die Ästhetik an Gewicht. Wie man etwas liest, hängt nicht nur von den Gattungen der Texte (Sachtext? Satire? Roman? Drama? Gedicht?), sondern auch von kulturellen Bedingungen ab. Diese zu erkennen trägt entscheidend zum Verständnis des eigenen Lesens bei, während ein Beherrschen verschiedener Lesetechniken - die Möglichkeit, Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen zu erhalten - den Zugang zu Texten und den Umgang mit ihnen erleichtert

Die Anglistik/Literaturwissenschaft bezieht sich als Forschungs- und Lehrgebiet auf die Geschichte und Formenvielfalt der britischen und irischen Literatur in englischer Sprache vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Sie umfaßt außerdem die amerikanische Literatur in englischer Sprache, insofern sie sich aus der englischen Literatur entwickelt bzw. von dieser abgegrenzt und selbständig weiterentwickelt hat, sowie die Beziehungen zwischen der englischen und amerikanischen Literatur bis in die Gegenwart. Die Literaturwissenschaft trifft sich in einigen thematischen Schwerpunkten mit kulturwissenschaftlichen Fragestellungen, die sie auf der Grundlage ihrer eigenen Methoden bearbeitet.

Im Verlauf des Studiums greifen eine Reihe unterschiedlicher Kenntnisse, wissenschaftlicher Arbeitstechniken und Methoden ineinander, die Sie nach und nach in differenzierter Weise erwerben. Sie lernen, typische Merkmale unterschiedlicher Gattungen und Epochen zu erkennen und zu definieren, mit philologischer Genauigkeit einzelne Texte zu verstehen, zu beschreiben und zu vergleichen, Sprachformen und Stilebenen zu unterscheiden, literarische Techniken in Form und Wirkung zu erkennen, Rezeptions- und Überlieferungsprobleme zu berücksichtigen, ästhetische Kriterien zu entwickeln. Sie lernen darüber hinaus, unterschiedliche literaturwissenschaftliche Methoden für Ihre Interpretation von Texten einzusetzen und für Ihre Fragestellung nutzbar zu machen, Sekundärliteratur zu recherchieren, auszuwerten und kritisch zu hinterfragen. Beziehungen zwischen den literarischen Texten und ihren jeweiligen individuellen und gesellschaftlichen kulturellen Zusammenhängen zu erkennen gehört ebenso zu den Fähigkeiten von Literaturwissenschaftlern wie die Reflexion über die philosophischen, literarischen, religiösen, politischen und sozialen Vorstellungen, Normen, Zwängen und Möglichkeiten der jeweiligen historischen Situation. Kurz: wir wollen Sie mit den Methoden des Fachs vertraut machen und an den Forschungsstand unseres Fachgebiets heranführen.

Der Erwerb literaturwissenschaftlicher Fähigkeiten geht vom ersten Semester an Hand in Hand mit einer kontinuierlichen, studienbegleitenden Lektüre, die über die in den Lehrveranstaltungen bearbeiteten Texte hinausgreift (siehe den Reader's Guide), der im Sekretariat R. 205 auch als Druckexemplar zu erwerben ist), damit Sie am Ende des Studiums eine repräsentative Auswahl von Werken aus allen Epochen und Gattungen gelesen haben, die es Ihnen ermöglicht, zu begründeten eigenen Urteilen und Wertungen zu kommen.

Die verschiedenen Veranstaltungsformen und Module haben unterschiedliche Aufgaben und Schwerpunkte. Vorlesungen richten sich an alle Studenten vom ersten Semester bis zur Examensvorbereitung. Sie vermitteln einen Überblick über größere Gebiete (Epochen, Gattungen), erläutern Hintergründe und Zusammenhänge, führen in den Forschungsstand ein, diskutieren aber auch einzelne Autoren und Werke. Obwohl Sie in der Vorlesung hauptsächlich zuhören, sollten Sie versuchen, so viele der besprochenen Texte wie möglich zu lesen. In Aufbaumodulen werden Grundbegriffe und Methoden der Literaturwissenschaft vorgestellt und eingeübt; Vertiefungsmodule, die sich einzelnen Autoren und Epochen mit ihren historischen Besonderheiten und kulturellen Kontexten widmen, vertiefen und erweitern Ihre Kenntnisse. Alle Lehrveranstaltungen leben von Ihrer guten Vorbereitung und Ihrer aktiven mündlichen Mitarbeit, und in den schriftlichen Arbeiten lernen Sie, sich wissenschaftlich korrekt auszudrücken und größere Argumentationszusammenhänge zu organisieren und zu präsentieren. Das Forschungskolloquium dienen der Erarbeitung spezieller forschungsnaher Problemhorizonte bzw. der Vorbereitung auf die MA Thesis.

In der Regel sollte während des Studiums ein längerfristiger Aufenthalt (mind. ein Semester) im englischsprachigen Ausland rechtzeitig angestrebt und durchgeführt werden (SOKRATES-Programm, DAAD, für Lehramtskandidaten PAD).

Inhaltliches Ziel des Faches englische Literaturwissenschaft also ist die Vermittlung eines professionellen philologischen Umgangs mit literarischen Texten sowie deren Analyse und Interpretation. Das Studium soll die AbsolventInnen aber darüber hinaus dazu befähigen, in zunehmend eigenständiger Weise Informationen aus der bestehenden Medien- und Informationsvielfalt zu recherchieren und das unter bestimmten Fragestellungen jeweils Entscheidende herauszufiltern, um dieses sowohl mündlich als auch schriftlich angemessen und klar zu präsentieren. Somit verbindet das Studium der englischen Literaturwissenschaft traditionell geisteswissenschaftliche Inhalte mit einer fächerübergreifenden Perspektive auf die Anforderungen, die aus den praktischen Bedürfnissen einer modernen Kommunikations- und Informationsgesellschaft resultieren.

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